Home

Allgemein

Hockey

Rudern

Tennis

Archiv Kontakt Sitemap Impressum
Rennrudern im RRK

Rudern ist traditionell ein Wettkampfsport, auch im RRK. Bereits im Jahr 1910 gewinnt ein Vierer des Rudervereins Rüsselsheim sein erstes Rennen auf einer Regatta. Ende der 30er Jahre startet ein Rüsselsheimer Renngemeinschaftsachter, zusammengesetzt aus Ruderern der beiden Rüsselsheimer Rudervereine - der RG Undine Rüsselsheim und des Rudervereins Rüsselsheim - erfolgreich beim Deutschen Meisterschaftsrudern. In den 40er und 50er Jahren kann der RRK mehr als zehn Meistertitel (2 Jugendmeisterschaften und 10 Deutsche Meisterschaften) und zusätzlich viele Platzierungen bei Deutschen Meisterschaften errudern.

Weitere Höhepunkte mit dem Gewinn Deutscher Meisterschaften (DM) gelingen in den 80er Jahren (7 DMs), Ende der 90er Jahre (3 Deutsche Sprintmeisterschaften im Vierer und Achter), auch 2005 und 2006 mit der U23-Meisterschaft im Zweier-mit sowie 2009 mit dem Meisterschaftssieg im Sprint-Doppelvierer.

Auch heute genießt der Leistungssport im RRK natürlich einen hohen Stellenwert. Er ist damit auch der kostenintensivste Teil des Ruderns im RRK. Der für Spitzenleistungen notwendige Trainingsaufwand kann nur geleistet werden, wenn berufliche, schulische, familiäre und sportliche Belange optimal aufeinander abgestimmt sind. Wettkampfrudern findet statt in den Jugendklassen, im Aktivenbereich wie auch in den Altersklassen des Mastersruderns, wo ehemalige Rennruderer zusammen mit Gleichgesinnten auf hohem technischem Niveau rudern und an Regatten teilnehmen können.

Eine der letzten Deutschen Rudermeisterschaften in der Geschichte des RRK, die Deutsche Sprintmeisterschaft 1998 in Bad Waldsee im Achter mit den Ruderern Martin Kraft, Thorsten Fett, Sven Hoffmann, Jens Bornemann, Harald Blum, Gerd Darnieder, Thomas Wissler, Lutz Beyer und Stfr. Heike Leisegang

Eine der gesündesten Sportarten, die es gibt, bei der man an der frischen Luft wirklich alle Muskelgruppen trainiert, ist Rudern! Der Rudersport zählt zu den ältesten olympischen Disziplinen und es werden jährlich Weltmeisterschaften wie auch Deutsche Meisterschaften und Hessenmeisterschaften ausgetragen. Rudern zählt aufgrund seiner durchschnittlichen Rennzeiten von 6 bis 7 Minuten zu den Kraftausdauer-Sportarten.

Das Rennrudern wird hauptsächlich in folgenden Bootsklassen ausgeübt:

  • Einer (1x)

  • Doppelzweier (2x)

  • Zweier ohne Steuermann (2-)

  • Doppelvierer (4x)

  • Vierer ohne Steuermann (4-)

  • Achter (8+)

Alle diese Bootsklassen sind für Frauen und Männer vorgesehen, auch noch beschränkt für Leichtgewichte ausgefahren, wobei das Durchschnittsgewicht bei Frauen nicht über 57 kg und bei Männern nicht über 70 kg liegen darf. Im Einer und als Maximalgewicht gilt für leichte Frauen 59 kg und für leichte Männer 72,5 kg.

Dominic Schwöbel, RRK-Klubmeister im Einer 1999

Steffen Bockius, Hessischer Jugendmeister (U17) 2004 im Lgw.-Junior-Einer, Alterskl. B

Aber auch nach Altersklassen und Streckenlänge wird differenziert:

  • Bis zum 14. Lebensjahr gilt man im Rudersport als Mädchen bzw. Junge, die normale Rennstrecke beträgt 1.000 m.

  • Bis zum 16. Lebensjahr (U17) gilt man als Junior(in) B, die Rennstrecke liegt national bei 1.500 m und international schon bei 2.000 m.

  • Bis zum 18. Lebensjahr gilt man als Junior(in) A, die Rennstrecke liegt bei 2.000 m.

  • Bis zum 22. Lebensjahr (U23) gilt man als Senior(in) B, die Rennstrecke liegt bei 2.000 m.

  • In der offenen Klasse können alle Ruderer starten, man gilt als Senior(in) und die Rennstrecke liegt bei 2.000 m.

  • Ab dem 27. Lebensjahr darf man an Masters-Rennen teilnehmen, die Rennstrecke liegt bei 1.000 m.

  • Es gibt auch Langstreckenregatten von 4 bis sogar 100 km und Sprintregatten zwischen 300 m und 500 m.


Hier sind die Ruderwettkampf-Regeln (RWR) des Deutschen Ruderverbandes einzusehen !!!

Ruderer - sanfte Riesen, manchmal ein wenig irre

Ein fröhlicher und gesunder Sport ist Rudern sogar im Hochleistungsbereich - wenn der Ehrgeiz keine krankhaften Züge annimmt. Es gibt Stars, Diven - und Heerscharen von coolen Typen.

Von Reinhard Breidenbach

Bisweilen sind Ruderer richtige Spaßvögel. "Erschießt mich, wenn ihr mich auch nur in der Nähe eines Bootshauses seht", flehte der Brite Steven Redgrave. Es ist das Jahr vor Olympia 2000 in Sydney, und bis dahin hat sich Redgrave bei vier Olympischen Spielen seit 1984 schon vier Goldmedaillen erkämpft, zudem serienweise WM-Titel, ist also schon der erfolgreichste Ruderer aller Zeiten. Und mit 37 will er sich davor bewahren, noch länger Qualen aushalten zu müssen, im Winter Tonnen von Gewichten zu stemmen, tausende von Übungskilometern herunterzureißen, die Einsamkeit spartanischer Trainingslager zu ertragen.

In Sydney ist Steve dann doch wieder am Start. Denn selbst im skurrilen Britannien hatte sich niemand gefunden, ihn zu erschießen, als er doch wieder zum Bootshaus ging. So holt er seine fünfte Goldmedaille, im britischen Vierer ohne Steuermann. Nach dem Zielstrich bietet er allerdings ein Bild des Jammers: zu Tode erschöpft. Aber er hat es allen noch einmal gezeigt. Redgrave ist in mancherlei Hinsicht symptomatisch für die Gilde der Ruderer und Ruderinnen. Die meisten sind echte Kerle und Mädels, die was aushalten, aber ganz im Inneren oft doch empfindsame Seelen. Auch Schrulligkeit ist bei manchen ein besonderes Merkmal.

Rudern ist ein fröhlicher und gesunder Sport. Im Prinzip. Es gibt, wie bei jeder Art von Leibesübung, unterschiedliche Ambitionen. Rudern ist als Freizeitgestaltung zu haben, gerne über mehrere Tage als Wanderfahrt, mit Übernachtungen bei Vereinen entlang der Fluss-Strecke. Dabei gibt es Natur zu genießen, Freundschaften zu pflegen, der Geselligkeit und purer Freude ihren Lauf zu lassen und zugleich mächtig viele Kalorien zu verbrennen. Und es gibt Rudern als Leistungs- und Hochleistungssport. Ob der physisch und psychisch nutzt, hängt sehr davon ab, wie verantwortlich die Betroffenen mit ihrem Körper und den Belastungen umgehen. In vernünftiger Dosierung legt Rudern den Grundstein für ein stabiles Herz-Kreislauf-System und eine sehr ordentliche Muskulatur. Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zutreten können ...

Deutsche U23-Meisterschaft (Eichkranz) für den RRK und "Bronze" beim Match des Seniors in Candia für den RRK und Deutschland im Männer-Vierer m. Stm. 1983 (Steffen Kerkmann, Achim Erhard, Harald Blum, Lutz Beyer)

Natürlich gibt es auch tragische Fälle. In den siebziger Jahren wurde die DDR zur erfolgreichsten Nation im Weltrudersport, was maßgeblich mit der fürchterlichen Schlagkraft von Doping-Labors zu tun hatte.

Es gibt unfassbare Schicksale wie das des Lüneburgers Bahne Rabe, Schlagmann des deutschen Olympiasieger-Achters von Seoul 1988. Rabe lasse sein Ruderholz erst los, wenn er gewonnen habe - oder wenn sein Schiff untergehe, schrieb ein Reporter damals. Bahne Rabe, in seinen guten Zeiten ein Kerl wie ein Baum, stirbt 2001 an Magersucht, weil er seine Psyche nicht besiegen konnte.

Es gibt schmerzliche Erfahrungen wie die des Ruderers Roland Böse aus Bingen, der bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico-City im Deutschland-Achter sitzt. Ein paar Stunden vor dem Finale erteilt ihm der Arzt Startverbot, wegen einer Angina. Mit Ersatzmann Niko Ott holt die Crew Gold. Der Steuermann damals: Gunther Tiersch, heute Wetter-Mann beim ZDF. Ott gibt Böse seine Goldmedaille.

Rennrudern verlangt alles vom Körper, ist nach Aussage von Medizinern nach Radfahren die zweithärteste Sportart der Welt. Bei einem Rennen über 2.000 Meter fangen die Schmerzen schon bei 300 Metern an. Danach nehmen sie kontinuierlich zu. Das auszuhalten, ist ein Stück Charakterbildung. Wenn das Boot gesteuert ist, wie der Achter, schreit sich der Steuermann die Seele aus dem Leib, so, als sei der Leibhaftige hinter der Crew her. Weil der Steuermann idealerweise nicht mehr als 50 Kilo wiegt, machen oft Kids den Job. Dass ein Dreikäsehoch dann einen gestandenen Recken im Endspurt anbrüllt: "Beweg' dich, du faule Sau ..." wird nicht persönlich genommen.

Der Endspurt, die letzten 300, 400 Meter, sind besonders schmerzhaft. Aber oft bekommt man davon nicht mehr viel mit, weil man wie in einem Tunnel fährt. Hans Lenk, 1960 in Rom Olympiasieger mit dem Deutschland-Achter und später Philosophie-Professor, hat die wohl eindrucksvollste Schilderung einer solchen Szenerie gegeben: "Du nimmst fast nichts mehr wahr um dich herum, du hast Blutgeschmack auf der Zunge, erst nach dem Ziel, nach langen Minuten, taucht deine Umgebung schemenhaft wieder auf ..." Aber wenn die Erschöpfung nachlässt, ist es ein unbändiges Glücksgefühl, wenn man gewonnen hat.

Rudern muss man wirklich wollen, weil es aufwendig ist, weil es eine hohe Affinität zum Wasser voraussetzt, ein gutes Gefühl für Körperbeherrschung. Rudern hat auch im Hochleistungsbereich viel mit Idealismus zu tun, weil die Sportart traditionell eine fast schon naive Distanz zu professionell-merkantilem Gedankengut hält. Selbst dem Deutschland-Achter laufen die Sponsoren nicht hinterher.

Weiße Ritter sind Ruderer deshalb zwar noch lange nicht. Aber sie sind, alles in allem, ein munteres und meist angenehmes Völkchen. Natürlich haben sie ihre Macken. Eine der legendenumwobensten deutschen Crews aller Zeiten ist der Olympiasieger im Vierer mit Steuermann von München '72. Die Crew ist mit einer unglaublichen Physis ausgestattet und trägt deshalb den Ehrennamen "Bullenvierer". Schlagmann Peter Berger aus Konstanz, ein Riese, hält sich stets sanft und brav an die Vorgaben des Trainers Karl-Heinz Bantle. Vor dem Finale der Europameisterschaft 1969 in Klagenfurt spricht Bantle zu Berger: "Bei Streckenhälfte machst du einen Zwischenspurt, und zwar so lange, bis ihr vorne seid." Zwischenspurts bei Streckenhälfte, also bei 1.000 Metern, währen zumeist zwanzig Ruderschläge. Nach 1.000 Metern setzt Berger den Zwischenspurt an, aber die Hauptwidersacher aus der DDR wollen partout nicht nachgeben. So kommt es, dass der Zwischenspurt nahtlos in den Endspurt übergeht, erst im Ziel liegt die Berger-Crew vorne. Der Schlagmann hatte getan, was der Trainer ihm aufgetragen hatte, aber das Ganze ging als Skurrilität in die Ruder-Geschichte ein. Es war so, als würde bei einem 5.000-Meter-Lauf das Spurt-Finish nicht zwei, sondern fünf Stadionrunden vor Schluss beginnen.

Natürlich gibt es Diven, Stars, Schrullige. Einer-Ruderer sind dafür prädestiniert. Ganz alleine im Boot, zwar den ganzen Ruhm, aber auch Schmerz und Niederlage mit sich selbst ausmachen - "das hältst du nur aus, wenn du einen an der Klatsche hast", lautet die Einschätzung der Branche. Einer-Ruderer sind im Wassersport unter psychologischem Aspekt also das, was Torhüter und Linksaußen im Fußball sind: ab einem gewissen Leistungsniveau ein bisschen irre. Der Mannheimer Trainer Fritz Beisswenger, Delegationsleiter bei Olympischen Spielen, hat es einmal bildhaft umschrieben, etwas übertrieben, aber es trifft den Kern - und es zeigt, dass Rudern ein Spiegelbild des Lebens ist: "Wenn der Einer-Ruderer davon überzeugt ist, dass er schneller fährt, wenn du ihm einen Wassereimer hinten ans Boot hängst, dann tu ihm den Gefallen. Er wird dann mit Eimer tatsächlich schneller sein - weil er daran glaubt."

Gesellschaftliche Wertigkeit des Sports

Von Prof. Dr. Hans Lenk, 1999 (Olympiasieger im Achter 1960)
 

"Encore quatre minutes!" Das Megaphon schallt über den See. Von den Kraterwänden hallt es dumpf zurück. Der olympische Endlauf steht bevor. Die Achter formieren sich an den Nachen. Flaues Gefühl im Magen: Zusammenreißen, jetzt oder nie. "Panez!" Der Startruf durchschneidet die Stille, entfesselt ein hohes Getöse schriller Steuermannschreie, Knallen der Rollsitze, Klatschen der Startspritzer. Das große, das letzte Rennen ist unterwegs.

Die Erinnerung greift zurück: Vier Jahre hatte man sich diesem Ziel verschrieben - kaum Zeit für etwas anderes außer täglichem Training. Regattareisen, Rennzeiten, Trainingspensum. Bootstrimming, Formschwankungen, Ernährung, Taktik, Strategie. Vier Jahre lang war das Rudern fast die wichtigste Sache der Welt. Der sportliche Mythos faszinierte die Motivation. Mitmachen, Dabei sein, Handeln - dies schien das Abenteuer des aktiven Lebens. Ein Gemeinschaftswerk von Mannschaft und Trainer entstand; Höhepunkt und Erfüllung eines "mythischen" Traums.

Tausend Meter. Hart bleiben. Zehn scharfe Schläge erwidern den Zwischenspurt. Dreiviertel Länge. Und noch 500 Meter, die letzten des letzten Rennens. Muskeln und Sehnen schmerzen im Zug, treten gegen wachsenden Widerstand. Luft, Keuchen, Arme, Beine, klobige Hindernisse. Blick aus dem Boot. Vancouver, der Gegner, bleibt zurück. Eine Länge. Endspurt. "Noch 15!" Der Bootskörper springt noch einmal an. Alles in diesen Schlag und wieder in diesen. Schwärze, Brausen, rauchige Kehle. Die Schwere scheint schier unerträglich. 14, 15 - durch. Fallen, Sinken, Luft, Dunkel, Lichtpunkte - Erschlaffen. "In Bewegung bleiben", allmähliches Weiterpaddeln, Schnappen, Keuchen. Dann taucht die Umwelt auf, die braunen Boote, die bunten Trikots, die brausende Tribüne.

Das letzte, das größte Rennen. Soweit die Erinnerung an den olympischen Achterendlauf des Jahres 1960, an eine persönliche Erfahrung. Ist das Leben ein Rennen, ein Leistungsspiel? Nicht ein Traum wie im Theater Calderóns? Ein Traum war erfüllt. War ein Mythos Wirklichkeit geworden? "Die Struktur der Leistung ist auf allen Gebieten gleich"; so unser Trainer, der berühmte Ratzeburger "Ruderprofessor" Karl Adam. Eine Leistung, die lange Zeit vorher schon das praktische Leben beherrschte, die lange nachher das persönliche Leben prägte – auch dann, wenn sie nicht wie bei mir zu beruflichen Verbindungen mit dem Sport führte.

Warum faszinierte sie uns und andere so - vorher wie nachher? Was ist der Wert, der Sinn solcher vordergründig doch "sinnloser" Leistungen, wenn sie weder Brot noch Rente bringen? Welches sind die gesellschaftlichen Werte, die der Sport verwirklicht oder vermittelt? Heute freilich gibt es den zum Teil einträglichen Sportberuf der Stars, der den Bewertungen des Showbusineß unterliegt. Dem einen "die hohe Göttin, dem anderen die Magd, die ihn mit Butter versorgt" – wie bei Schiller die Wissenschaft. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – könnte man antworten.

Das ist vielleicht schon eine Teilantwort. Der Mensch ist das Wesen, dem das anscheinend Überflüssige zu einer Art Notwendigkeit wird, zur Kultur - wie der spanische Lebensphilosoph Ortega y Gasset meinte, der übrigens auch eine provokative, aber nach wie vor bedenkenswerte, wenn auch etwas überpointierte Philosophie des Sports entwickelt hat. Die Kultur sei die "Tochter des Sports" und des freien überquellenden Spiels, glaubte er, nicht die Arbeit, wie man es sonst immer deutete. Alles für die Kultur Wertvolle sei aus dem Überfluß der Lebensfreude, dem Kraftüberschuß, der Verschwendung gleichsam sonst nicht notwendiger Energie entstanden.

Wir sind heute weit von solch einer Lebensphilosophie entfernt. Man kann wohl nicht alles Dürre, Zweckhafte, Mechanische pauschal mit der Arbeit gleichsetzen und im Kontrast dazu alles Lebendige, Interessante, Wertvolle, Kulturelle mit Sport und Spiel assoziieren. War es nicht Beethoven, der im Kunstschaffen fünf Prozent Inspiration und 95 Prozent Transpiration sah? Ortega jedenfalls spricht geradezu vom sportlich-festlichen Sinn des Lebens.

Nun, wenn das Leben schon nicht Sport ist, so ist doch Sport vitales Leben. Er besteht aus Handlungen, Leistungen, die ein Mensch selbst zu vollbringen hat, die nicht erschlichen, vorgetäuscht und letztlich nicht delegiert oder bloß organisiert und gänzlich manipuliert werden können. Es geht also um selbstmotivierte Eigenhandlungen und Eigenleistungen, die im übrigen auch nicht zu kommandieren sind: Zum Marschieren kann man jemanden zwingen, nicht aber zum Rekord im Marathonlauf oder gar zur Besteigung des Everest. Sport ist ein exemplarischer Bereich für freiwillig erbrachte Eigenleistung, für persönliche, selbstmotivierte eigene Handlung, die unter Beurteilungsmaßstäben steht: als besser oder schlechter; als hervorragend; als mehr oder weniger gelungen oder als mißlungen gewertet wird - vom Handelnden selbst wie von anderen.

Der Renngemeinschaftsachter Ruderverein Rüsselsheim (RVR)/Rudergesellschaft "Undine" Rüsselsheim (RGUR) beim Deutschen Meisterschaftsrudern 1939 in Hannover: Hans Mietzschke (RVR), Georg von Opel (RVR), Oskar Fischer (RVR), Adam Breidert (RGUR), Georg Boller (RVR), Karl Schömbs (RVR), Ernst Müller (RGUR), Heinz Hummel (RVR)

Die sportliche Leistung kann im Idealfall als Prototyp, als Vorbild der Eigenleistung gelten, die einzeln oder in Gruppen vollbracht oder versucht werden kann, wie das Eingangsbeispiel des olympischen Achtelfinales zeigt.

Wie ich in meinem Buch "Eigenleistung" 1983 beschrieben habe, gibt es also ein Prinzip der Eigenleistung, der Eigenaktivität und des positiv bewerteten eigenen Engagements. Die eigenmotiviert erbrachte und selbst die fremdbestimmte eigene Handlung, zumal die besondere oder gar ausgezeichnete Leistung, ist ein Prinzip des Schöpferischen, das in einer aktiven und dynamischen Gesellschaft im Vordergrund steht: ein Vehikel persönlicher Auszeichnung und auch der Anerkennung oder gar Bewunderung durch andere.

Eigenleistung muß nicht Höchstleistung sein: Jedes an Gütestandards gemessene persönliche Handeln – verglichen mit der gleichartigen Aktivität anderer oder eigenen früheren Ergebnissen – ist ein solches Eigenleisten im weiteren Sinne. Dies muß nicht notwendig wie im modernen Sport institutionalisiert - im hochorganisierten Wettkampf verwirklicht werden. Es gibt ja auch besondere künstlerische, wissenschaftliche Leistungen, zum Teil ohne unmittelbare Konkurrenz oder Wettkampf. Sogar im Natursport findet sich dieses Prinzip der nicht direkt konkurrenzorientierten Hochleistung. Daneben gibt es dort freilich auch scharf ausgeprägte Partnerkonkurrenzen um Erstbesteigungen, Erstüberquerungen und so weiter.

Die sportliche Eigenleistung ist durch einen physischen und psychischen Gesamteinsatz der Person gekennzeichnet, die oft mißverständlich als "bloß körperlich" abgestempelt wird. Freiwilligkeit und Eigenmotivierung sind notwendige Bedingungen dieser eigenen, besonders auch der schöpferischen Leistung. Leistung kann so zu einem Ausdruck persönlicher Willenshandlung, der Handlungsfreiheit und Auszeichnung beziehungsweise Selbstbestätigung werden. Die eigenmotivierte Leistung ist somit ein Ausdruck der aktiven und kreativen Persönlichkeit und dementsprechend kein reines Produkt von Anlage und bloß natürlichem Trieb, sondern weit mehr auch seelische, gesellschaftliche und kulturelle, ja, geistige Errungenschaft, wenn auch, jedenfalls im Sport immer auf biologischer Grundlage. Sie besitzt eine besondere erzieherische Bedeutung - gerade auch dann, wenn es sich um eine symbolische Leistung handelt, die ein biologisch und ökonomisch "überflüssiges" Ergebnis erzeugt. Das anscheinend Überflüssige ist in mancher Hinsicht besonders nötig – für die kulturelle Entwicklung und zumal für die Erziehung.

Die individuelle "Leistung" als produktive oder rekreative, persönlich erbrachte, als nützlich oder beachtlich bewertete Handlung ist wie jede Leistung abhängig von Bewertung und Deutung, setzt Tüchtigkeits-, Güte- und Schwierigkeitsmaßstäbe voraus sowie bestimmte förderliche individuelle und soziale Bedingungen – zum Beispiel ein individualistisches, Selbstverantwortlichkeit betonendes aktivistisches Lebensgrundgefühl und etwa liberale Gesellschaftsstrukturen.

Es hat sich in der Debatte um die Gesellschaftskritik am Leistungsprinzip und an der Leistungsgesellschaft in den 60er und 70er Jahren gezeigt, daß auf Leistungsorientierung und -förderung generell nicht verzichtet werden kann und daß das Leistungsprinzip auch keineswegs einer humanen Gesellschaft entgegenstehen muß. Wichtig ist aber – zumal im Sport –, zwischen eigenmotivierter und fremdverordneter Leistung zu unterscheiden. Mit Eigenleistung meine ich in erster Linie die erstere, die eigenmotivierte, freiwillig erbrachte persönliche Leistung. Etwas selbst zu leisten, bringt auch Lust, Bestätigung des Selbst und hängt natürlich ebenso von der Anerkennung durch andere ab.

Sport ist die leicht dynamisch verständliche, sinnlich eingängige, erlebbare und motivierende Version und mitreißende, faszinierende Darstellung der Eigenleistung. Sich physisch und psychisch anzustrengen, ist ein wichtiges Erziehungsfeld für Eigenhandeln zumal in einer sitzenden, fernsehenden, auto- und schreibtischfixierten passiven Gesellschaft, welche die körperlichen und auch die eigenen kreativen Handlungen allzuoft in Restreservate abdrängt.

Im Finale des "Thames Challenge Cup" in Henley 1951 muß sich der Achter der Rudergemeinschaft Flörsheim-Rüsselsheim gegen den Achter der University of Pennsylvania geschlagen geben

Wir haben damit einige für die gegenwärtige hochzivilisierte Gesellschaft wichtige Möglichkeiten der Wertverwirklichung am Sport festgestellt, die ich im folgenden in 15 Punkten thesenhaft präsentieren will:

1. In einer sitzengebliebenen Gesellschaft psychophysisch weitgehend immobilisierter Menschen ist die leib-seelische Beanspruchung, sind sportliche Bewegung, Gesundheitssport, Natursport nicht nur eine wichtige Basis zur Entwicklung und Erhaltung der vitalen Kapazitäten und der Gesundheit, sondern auch der psychophysischen Aktivierung generell. Das gilt auch für die Älteren: Maßvoll betriebener Sport ist geradezu eine Schule des aktiven Älterwerdens. Wie sagte ein französischer Olympiaruderer? "Die Wichtigkeit des Sports beginnt – nach dem Sport."

2. Wie jede kreative und rekreative, positiv bewertete und eigenmotiviert erbrachte Eigenaktivität vermittelt auch die sportliche Tätigkeit wichtige Erlebnisse und Könnenserfahrungen (einschließlich der Erkenntnis eigener Begrenztheit), die zur persönlichen Selbstentfaltung gerade auch Jugendlicher beitragen können - im Sinne eines aktiven Gestaltens: Eigenaktivität, Sport statt Drogen. Wie jede andere rekreative und kreative - künstlerisch-schöpferische - Tätigkeit kann auch Sport wesentliche Aktiverlebnisse garantieren, die dem Passivismus des heute manchmal sogenannten "neuen Hedonismus" entgegenwirken. Auch in Hinsicht auf eigene Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsbereitschaft ist Sport als Schule der Handlungsfreiheit und Willensstärkung anzusehen: Ich habe in diesem Zusammenhang vom zugegebenerweise idealen Modell des "mündigen Athleten" gesprochen.

3. Sport ist, wie wir sahen, eine besonders eingängige, leicht verständliche, auch Jugendlichen zugängliche und faszinierende Schule der individuellen Eigenleistung – im weiteren wie im engeren Sinne. Eine besondere Faszination – sowohl als Vorbild, Anregung und spannungsgeladenes Nacherleben – geht gerade von der sportlichen Hochleistung aus. Dieser Anregungs- beziehungsweise Ansteckungseffekt ist vorhanden, selbst wenn man über sein Ausmaß im heutigen Höchstleistungs- und Showsport geteilter Meinung sein kann.

4. Sportliches Eigenhandeln und Eigenleisten sind fast stets an soziale Situationen gebunden – etwa den Vergleich im Wettkampf. Insofern ergibt sich auch eine direkte Schulung der sozialen Umgangsweisen in standardisierten Situationen, zumal im Wettkampf, in der Leistungssteigerung im Training, in der Trainingsgruppe, bei Erfahrungen des Vergleichs unter relativ gleichen Bedingungen und auch die praktische Einübung von Fairneß, auf die ich noch zurückkomme. Dies alles ist ersichtlich von hoher erzieherischer Relevanz in einer Einzelkind-Gesellschaft.

5. Handeln und Eigenleisten kann man gerade auch in Gruppen: Die Sportgruppe, die Mannschaft und die damit verbundenen Erfahrungs- und Übungsmöglichkeiten sind – wie das Jugendorchester – hervorragende Schulungsbereiche für Teamwork, das man am besten in eigenen Erfahrungen des Sports, der Musik- oder Tanzgruppe, der kleinen "Forscher"-Gruppe lernt und einübt - am einfachsten und jugendgemäßesten wiederum im Mannschaftserlebnis. Teamgeist, Einordnung, Zusammenarbeit, Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel, Mannschaftstraining – dies wird am besten in Mannschaften und Orchestern gelernt. Rudolf Hagelstange hat diese Einsicht anläßlich des eingangs geschilderten olympischen Endlaufes in die Worte gefaßt: "Der Achter – das ist die Mannschaft an sich."

6. Sportgruppen, Mannschaften wie auch Gesangvereine oder Jugendorchester benötigen eine Aufteilung von Rollen, Aufgaben, Führungspositionen und Verantwortung: Junge Menschen können hier praxisnah aktive Verantwortungsübernahme üben. Man hat den Sport geradezu "eine Schule der Demokratie" genannt. Dasselbe gilt natürlich für Jugendhilfegruppen, Pfadfindergruppen, eigenaktive Vereine aller Arten. Der gesellschaftliche Wert dieser jugendgemäßen und zur Eigenaktivität und Eigenverantwortung hinleitenden Übungsfelder ist unmittelbar einsichtig.

7. Im Umgang mit dem Wettkampfpartner und den Mannschaftskameraden wird unter mehr oder weniger standardisierten Bedingungen auch der Hauptwert eingeübt, den der Sport der moralischen Kultur in einer von institutionellen Auseinandersetzungen geprägten Gesellschaft geschenkt hat: nämlich das Fairneß-Verhalten. Fairneß ist die eigentliche Tochter des Sports, die dieser allen Bereichen der Konkurrenz, des Wetteiferns, des gesellschaftlichen Vergleichs und der Verteilung von Vor- und Nachteilen, Nutzen und Kosten und so weiter gegeben hat.

Obwohl Fairneß-Regeln und -Gebote wie etwa auch das sechste oder siebente christliche Gebot häufig verletzt werden, haben sie doch eine außerordentlich wichtige gesellschaftliche Orientierungsfunktion in allen gesellschaftlichen Bereichen der geregelten Auseinandersetzung oder Vorteilsnahme beziehungsweise der Nachteile oder Kostenzumutung erlangt. Das gilt nicht nur für die formelle Fairneß, das möglichst buchstabengetreue Einhalten der Wettkampf- oder Spielregeln, sondern gerade auch für die von mir 1964 so genannte "informelle Fairneß", den Geist des fairen Achtens und Beachtens des Gegners oder Vergleichspartners.

 Der Zweier mit Stm. der Renngemeinschaft Berliner Ruder-Club/Rüsselsheimer Ruder-Klub im Jahr 2005 bei den Deutschen U23-Meisterschaften auf der Wedau mit Stm. Martin Sauer (BRC), Sven Hartenbach (RRK) und Peter Nedwig (BRC) auf der 2.000-m-Strecke ihres Meisterschaftsrennen, wo sie die "Goldmedaille" holen

Je mehr "auf dem Spiele steht", im sogenannten Lebensernst und im vielfach für Athleten existentiell ernst gewordenen Hochleistungssport, wo es ja verstärkt um Lebens und Aufstiegschancen oder gar um größere Geldsummen geht, desto stärker ist Fairneß gefährdet. Gilt Sieg als ein und alles, so reüssiert das sogenannte "elfte Gebot": "Du sollst Dich nicht erwischen lassen" (wie es treuherzig kürzlich ein österreichischer, als Dopingsünder erwischter Bobfahrer geradezu in klassischer Reinheit kommentierte: "Man denkt halt, daß man selber nicht erwischt wird."). Wie sagen die US-Amerikaner?: "Fair/nice guys finish last."

Je unerläßlicher oder wichtiger der Sieg oder Erfolg, desto größer die Verführung zur Unfairneß. Das gilt nicht nur im Sport, sondern zum Beispiel auch in der wissenschaftlichen Forschung, wie seit 20 Jahren in den USA, kürzlich auch in Deutschland (dessen Wissenschaft man allzulange für gänzlich "rein" hielt) öffentlich ersichtlich wurde. In der Wissenschaft gibt es nicht einmal Silbermedaillen - wie wenigstens im Sport. Es muß übrigens nicht immer um Geld gehen, sondern auch Reputation, Ansehen des Erfolgreichen, ja, die alte "Ehre" sind gegebenenfalls genauso umkämpft. Kontrollen und Kontrollinstitutionen werden unerläßlich, wenn die Regeln zunehmend übertreten werden, kaum noch greifen und zumal informelle Fairneß vielfach schon geradezu als "Dummheit" hingestellt wird: Das sogenannte "faire" oder taktische Foul wird bei jungen Fußballern bereits systematisch eingeübt! (Auf die Doppelbödigkeit, ja, zum Teil Doppelzüngigkeit der Diskussionen in der Dopingszene kann hier nicht eingegangen werden.)

8. Herkömmlich meinte man – und konnte das auch in den 50er Jahren in Australien nach den Olympischen Spielen von Melbourne und ebenso in Europa empirisch bestätigen –, daß Vorurteile gegenüber anderen Völkern und Hautfarben durch den internationalen Sport, zumal durch das zuschauende Miterleben der Olympischen Spiele, verringert würden, besonders bei jugendlichen Zuschauern. Dies ist zweifellos ein wichtiger Beitrag zur indirekten Völkerverständigung in Gestalt des Abbaus von Fixierungen oder Vorurteilen. Dies ist zwar keine direkte Friedensmission – wie etwa Schelsky meinte –, obwohl das Fremdverstehen, die Toleranz, ja, Hochschätzung der athletischen Vertreterinnen) anderer Nationen dadurch ohne Frage beeinflußt werden dürften. Auch das aktive Kennenlernen von Sportpartnern aus anderen Ländern ist hier zu nennen. Dies ist natürlich von begrenzter Wirkung und erstreckt sich nicht auf weitere Teile der Jugend. Für Coubertin, den Wiederbegründer der modernen Olympischen Spiele, war es ein Hauptziel, die gegenseitige Achtung der Völker und zumal der Jugend auf diese Weise zu fördern (auch wenn er weitergehende Ansprüche der "liebenden" Völkerverständigung für lächerlich hielt; hingegen war er ein Vertreter der antiken Idee der Waffenruhe bei Olympischen Spielen!).

9. Die Identifikation mit der eigenen Mannschaft (lokal oder national), mit dem stellvertretend kämpfenden Athleten der eigenen Gemeinde oder Nation ist ein Effekt, der zum als wertvoll erlebten und auch nötigen Gemeinschaftsgefühl auf unterschiedlichen Ebenen beiträgt und besondere Gefühle des Mitfieberns oder gar Leidenschaften weckt. Dies alles trägt zum Spannungswert der Sportwettkämpfe – gerade auch im televisionären Spektakel – bei. Zumal jüngere und kleinere Nationen identifizieren sich demonstrativ mit ihren sportlichen Repräsentanten: Im Konzert der weltweit im Vordergrund stehenden großen Nationen ist es für kleine Völker ein eher erreichbares Ziel, eine positive Meinung in der Weltöffentlichkeit durch sportliche Hochleistungen zu erreichen. Man denke etwa an die als besonders sportlich geltenden Völker wie die Ungarn oder die Finnen einst und an die kenianischen Läufer heute.

10. Dynamik, Spannung, leichte Einsehbarkeit für den Zuschauer, Telegenität mancher Sportarten, das direkte Messen in Kampfsportarten ergeben generell spannende Duelle. Herausragende Wettkämpfe sowie in manchen Sportarten Rekordversuche erhöhen den Spannungs- und Unterhaltungswert des Hochleistungssports und die Fernsehattraktivität – und damit die tele- und medienökonomische Nachfrage der jeweiligen Sportarten.

11. Entsprechendes gilt für Bewegungsrhythmus, für Schönheit in den auch besonders öffentlichkeitswirksamen ästhetischen Sportarten wie Eislaufen, Turnen oder Tanzsport.

12. Aus der Sicht der Zuschauer hat man seit den 60er Jahren (seit Roland Barthes' epischer Eloge auf die Tour de France) die mythische Funktion des modernen Hochleistungssports für Zuschauer, auch für alle televisionär Mitfiebernden und Nacherlebenden, beschrieben. Ich selbst habe 1972 in "Leistungssport - Ideologie oder Mythos?" und 1985 in "Die achte Kunst" diese mythische Funktion auf das Eigenleben der Athleten ausgeweitet und eine quasi-"mythologische" Deutung der sportlichen Leistung (zum Beispiel für das, was der Mensch mit weitgehend "natürlichen" Mitteln zu erreichen vermag), für das Eigenerleben des Athleten und für die Leistungssteigerung ausgearbeitet.

Diese gleichsam mythische Dramatik und Dynamik könnte als ein eigener Wert von gewisser anthropologischer Bedeutsamkeit angesehen werden, geradezu als Sinnbild menschlicher "natürlicher" Leistungskraft ohne oder mit nur geringen technischen Hilfsmitteln. Den Leistungssport könnte man geradezu definieren durch das Setzen künstlicher Hindernisse oder Standardisierungen, die nur mit Beteiligung von weitgehend natürlicher Leistungskraft und Konzentration in möglichst effizienter (beispielsweise möglichst schneller) Weise zu überwinden sind. (Die Technik erfindet demgegenüber künstliche Umwege, zum Beispiel Flugmaschinen, um etwa sonst gar nicht erreichbare Ziele zu realisieren.)

Der RRK-Doppelvierer mit Jörg Herzog, Martin Kraft, Benjamin Michel und Andreas Klepper ist Deutscher Meister 2009 im Rudersprint

13. In Abhängigkeit von der Spannung, Telegenität und auch von hochstilisierten nationalen Traditionen (etwa US-Football) sind sportliche Dramen, einem modernen Massentheater vergleichbar, ökonomisch hoch interessant geworden – nicht nur durch das diese Wirkung vervielfachende Fernesehen. Mit dieser ökonomischen Entwicklung des Sports geht die stark um sich greifende offizielle Professionalität einher, die in vielen Sportarten - bei weitem aber nicht in allen! - die traditionelle Amateurregel und -mentalität eingeschränkt hat, wenigstens in der großen Publizität der Medien. Sport ist wie Tourismus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden, der nicht nur einen großen Unterhaltungs- und Erfolgs- sowie Leistungsmarkt hervorgebracht hat, sondern auch eine entsprechende Industrie erzeugte (zum Beispiel Sportgeräte für Spitzenathleten und, entsprechend der Werbewirksamkeit, auch für alle Freizeitsportler). Gerätemärkte, Werbungsimages, kurz: eine im Hochleistungssport zunehmend allumfassende Kommerzialisierung führen dazu, daß Sporthelden als lebende Litfaßsäulen auftreten und ihre augenfälligen Werbemarken bei der Siegerehrung, wenn nicht schon im Rennen, präsentieren. Die Ökonomisierung und Kommerzialisierung des modernen Hochleistungssports, aber zunehmend auch des Breitensports, würde eine eigene Abhandlung erfordern.

14. Hatte schon Barthes seine meines Erachtens einseitige Deutung des Sportepos (am Beispiel der Tour de France) als inszenierten und dramatisch präsentierten geradezu "mythischen" Kampf von Heldenrollen gegen Gegner und Natur aufgefaßt, so kennzeichnen die mediale Publizierung, Verbreitung und Kommunikation, die Leistungspräsentation und die dementsprechende Inszenierung von Superwettkämpfen, zumal in der besonders spannenden, weil weltweit präsenten Femsehdarstellung, zunehmend den Hochleistungs- und Spitzensport. Dies führt nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch aus solchen der faszinierenden telegenen "Omnipräsenz", dem Überallgegenwärtig- und -dabeisein, über Kontinente hinweg in dramatischer Zuspitzung der hochrangigen Wettkämpfe (Olympia, Weltmeisterschaften, Länderkämpfe) zu einer eigenen telemedialen, weltumspannenden Eigenwelt der sportlichen Präsentation, die sich den Wettkämpfen, den Zuschauererwartungen und den Athleten selber immer mehr aufzudrängen droht: Wettkampftermine nach Prime-time-Fernseh-Bedingungen, eigene Sportfernsehkanäle und so fort. Dies hat erhebliche Weiterungen für die ökonomische Verortung und Verwertung der Sportarten und ihre öffentliche Attraktivität im Sinne weiterer Kommerzialisierung, Ökonomisierung und Mediendominanz.

Helmut Digel hat in einem Aufsatz besonders den "Modernisierungsdruck" hervorgehoben, dem fast alle Sportarten heute unterliegen: Die Verbände müssen alles tun, um "Telegenität", "Aufmerksamkeitstransfer" und Zuschauerbindung zu erreichen, indem sie Zusatzinszenierungen, besonders telegene Wettkämpfe, Rekordankündigungen und so weiter in einer neuen Art von Wirkungsästhetik demonstrativ organisieren beziehungsweise inszenieren, wobei "der Athlet ... hierbei eine nachgeordnete Bedeutung" erlangt. Anscheinend ist dieser geradezu Rimbaudsche Modernisierungsdruck ("Il faut être absolument moderne!") überwiegend auf Telegenität, Zuschauerfaszination und -bindung sowie ökonomischen Output hin orientiert. Die mediale Kommunikation und zumal die Fernsehwirkung wie die Zuschauerattraktion stehen also offensichtlich als ein absolutes "Muß" des Sports im Vordergrund. Sogar elitäre und "demonstrative Distinktion", "soziale Segregation" der VIPs - oder gar WIPs -, fuhren dazu, daß der Sport "zunehmend seine gesellschaftspolitische Legitimation verliert, die im wesentlichen in der Integrationsfunktion des Sports zu sehen war und gewiß auch in der weiteren Zukunft gesehen werden sollte".

15. Inszenierung, öffentliche und vor allem televisionäre Präsentation, elitäres Dabeisein und Dazugehören zum Auserwähltenzirkel oder -zirkus gehören offenbar in den meisten publizitär interessanten gesellschaftlichen Bereichen zum demonstrativen gesellschaftlichen Dasein und Gesehenwerden hinzu.

Dieser zuletzt genannte Effekt der showmäßigen Inszenierung und Hochbewertung, ja, der Überbewertung des Hochleistungssports dürfte zum Teil eine Gefahr für die oben genannten, mehr am einzelnen und der kleinen Sportgruppe orientierten, wenn auch eher ideal deren Vorbildwirkung herausstreichenden Spektrum der Werte sein. Zweifellos ist dies "ein wesentlicher Teil der durch den Zeitgeist geprägten Wettkampfkultur" (Digel); jedoch ist dies keineswegs der ganze Sport, nicht einmal für den verständnisvollen Zuschauer noch für den trainierenden Athleten, obwohl die Tendenzen und deren Wirkkraft nicht zu leugnen sind.

Wenn sogar so verständnisvolle Verbandspräsidenten wie der deutsche Leichtathletikpräsident sich dieser Überwertigkeit der publizitären Präsentationseffekte und der Ökonomisierung, verbrämt als notwendiger "Modernisierungsdruck", geradezu vorlaufend anpasserisch unterwerfen, so besteht doch wohl allgemein eine nachdrückliche Gefahrdung der traditionellen Grundwerte der sportlichen Eigenaktivität, der Eigenleistung und der in Sportgruppen und Mannschaften geschulten gesellschaftlichen und fairneß moralischen Werte – ein Anlaß, diese gegen den Geist der Zeiten wieder einmal hervorzuheben.

Sport hat einen weiten Magen und bedeutet Vieles, nicht nur Spektakel, Konsumtion, Präsentation, Inszenierung und Ökonomisierung oder Telefaszination. Sport verfügt auch über eigene Basis- und Erziehungswerte – nach wie vor –, selbst wenn diese angesichts der allzusehr auf den Hochleistungssport konzentrierten Diskussion notorisch ins Abseits geraten. Wie eh und je liegt die grundliegende Rechtfertigung sportlicher Eigenbetätigung in den persönlichkeitsbildenden, erzieherischen und in Kleingruppen geschulten Entwicklungs- und Förderungsmöglichkeiten (einschließlich der Vorbildwirkung). Gerade dies sind wichtige gesellschaftliche Werte, von denen unsere Gesellschaft um so mehr abhängt, als sie diese nicht Institutionen erzwingen kann und in der erwähnten Inszenierung und Show ignoriert.

Variieren wir hier abschließend Erich Kästner, den 100-Jahr-Jubilar des Jahres: Im Sport liegt immer noch viel Gutes – vorausgesetzt man tut es!"